Veröffentlicht in Zucht

Das Wunder der Geburt

Was lässt die meisten Menschen – besonders die tierlieben – eher in Verzückung geraten, als der Anblick von pelzigen, herzigen, kleinen Hundewelpen …

Die schon in den 40er Jahren von Konrad Lorenz als „Kindchenschema“ bezeichneten, evolutionsbiologischen Schlüsselreize der kindlichen Proportionen des Kopfes (hier sind die Unterschiede zwischen Mensch und Tier/Hund marginal), lösen in Erwachsenen sog. Brutpflegeverhalten aus. Man möchte sie beschützen, füttern, umsorgen. Und man möchte sie haben.

Kann sich ein Großteil der Bevölkerung seiner ausgeprägten Schlüsselreize mit einem niedlichem Stofftier erwehren, so lassen sie in manchen Hundebesitzern die hartnäckige Idee reifen, dass ihre Hündin mal Mutter werden oder der Rüde mal Nachkommen zeugen soll. Weil dazu ja schon der Tierarzt rät, das ohnehin zur Allgemeinbildung gehört und weil – ja weil sie eben so niedlich sind. Und wohl dem Menschenkind im Haus, dessen Eltern ihm einmal das Wunder der Geburt live und in Farbe demonstrieren wollen.

Somit wird also alles in die offiziellen (oder dissidenten) Wege geleitet. Die zukünftige Mutter und der werdende Vater werden zusammen geführt und wir unterstellen mal Glück im gewählten Zeitpunkt. Hurra – wir werden das Wunder der Geburt und die Aufzucht von niedlichen, kleinen Hundewelpen erleben dürfen!!

Schon der Zeugungsakt ist für die meisten Menschen recht ernüchternd. Das einleitende Spielen wird noch mit freudiger Erwartung erlebt. Sobald der Zeitpunkt des Hängens kommt und Rüde und Hündin sich zwischen wenigen Minuten und einer guten Stunde nicht mehr voneinander lösen können und das unabhängig von Wetterlage, Blicken neuriger Nachbarn oder des Postboten, oder dem Zwicken der Bandscheiben beim Halten der Hunde, trübt sich das Hochgefühl meist schnell und lässt die wenig romantischen Triebe der Natur durchblicken. Lösen sich Rüde und Hündin nach einer gefühlten Ewigkeit dann endlich voneinander, trat schon so manch unerfahrenem Zuschauer beim Betrachten des Rüdengenitals die Schamesröte ins Gesicht und der Gedanke in den Sinn, ob wohl ein Tierarzt angeraten sei. Gott bewahre, dass noch die Kinder diesem eher animalischen Akt beigewohnt hätten. Nicht auszudenken.

Nach etwa 9 Wochen ist es dann soweit – der große Tag rückt näher. Waren die ersten Wochen noch unspektakulär und hatten eher etwas von weihnachtlicher Vorfreude in besinnlicher Adventszeit, so sind die letzten Tage vor der eigentlichen Geburt schon nicht mehr so geruhsam. Die Hündin wirkt nervös, muss ständig raus, bricht vielleicht, jammert. Erste Sorgen kommen auf – läuft alles richtig? Werden wir das alles schaffen? Ist der Tierarzt griffbereit, wenn doch nicht alles glatt läuft? Sollten die Kinder wirklich dabei sein?

Ich will ehrlich sein. Eine Hundegeburt ist tatsächlich ein Wunder – so wie jede Geburt immer und immer wieder ein kleines Wunder darstellt. Denn innerhalb von 63 Tagen hat die Natur es vollbracht, neues Leben reifen zu lassen. Ja, ein Wunder ist es. Und eine Geburt ist auch blutig. Sie ist stressig. Sie ist mit Schmerzen, Erbrechen, Gerüchen, Weinen, Sorgen und jeder Menge dreckiger Wäsche verbunden. Es ist kein schönes Familienereignis, wie ein Kinobesuch, ein Kaffeeklatsch oder ein Ausflug ins Grüne. Geburten finden selten am Wochenende nach dem Frühstück und den letzten Besorgungen statt. Sie beginnen meist, wenn man bereits völlig übermüdet von den schon vorangegangenen Nächten ohne Schlaf ist. Es kostet Nerven, eine ängstliche, gestresste erstgebärende Hündin um sich zu haben und sie zu beruhigen, ihr das Gefühl zu vermitteln, dass Frauchen für sie da ist und ihr nichts passieren wird. Eigene Zweifel kommen auf – waren das jetzt Senkwehen, oder geht es schon los? War die ausgetretene Flüssigkeit schon Fruchtwasser? Bis wann muss dann spätestens der Welpe hinterher kommen? Es ist weder für die Hündin, noch für Sie ein Vergnügen, sie in einer eisigen Dezembernacht an der Leine (sonst könnte sie vermutlich abhauen und irgendwo ihre Welpen werfen, was weniger mit mangelnder Bindung, sondern mit profanen Instinkten zu tun hat) und mit Taschenlampe über die Straße zu bewegen, um die Wehentätigkeit zu fördern.

Endlich dann geht die Geburt in die entscheidende Phase. Nach wenigen Presswehen bekommt die Hündin nun im Idealfall den ersten Welpen. Blut. Fruchtwasser. Nachgeburt. Der Geruch von Eisen liegt bleischwer in der Luft. Hoffentlich nabelt die Hündin nicht zu kurz ab. Soll ich lieber einschreiten? Aber sie ist so schnell. Genauso schnell hat sie die Nachgeburt verschlungen. Sie soll doch nicht alle fressen, aber sie ist so schnell. Kontrolle, ob alles drum und dran ist. Rüde oder Hündin? Farbe, Rute, Abzeichen, Gewicht. Alles notieren und gleichzeitig die Mutter beruhigen, die ihr Neugeborenes lieber nicht aus den Augen lässt, wenn sie nicht grade schon mit der Geburt des nächsten Erdenkinds beschäftigt ist, oder mit dem erneuten Fressen der soeben erbrochenen Nachgeburt.

Auch wenn die Geburt neuen Lebens das wohl natürlichste der Welt darstellt, ist sie immer mit Gefahren für Leib und Leben von Mutter und Kind(ern) verbunden, wenn auch zumeist natürlich alles gut geht. Aber es gibt sie leider, diese Ausnahmen – Totgeburten, Missgeburten, teils lebensgefährliche Muskelkrämpfe der Hündin (Eklampsie), Wehenschwäche, falsch liegende Welpen, Kaiserschnitt, schlimmstenfalls Tod der Hündin. Nochmals – die meisten dieser Szenarien kommen nur selten bis sehr selten vor, aber sie können passieren. Möchten Sie in der Situation, ihr vom Geschehen vielleicht völlig verstörtes Kind zusätzlich trösten müssen? Möchten Sie diese Situation mit Nachbarn, Freunden, Verwandten teilen, wenn Sie sich lieber auf das Geschehen konzentrieren und sich um ihre gestresste und vielleicht leidende Hündin kümmern wollen?

Es ist toll, wenn man im Ernstfall eine helfende Hand an seiner Seite weiß. Sei es, um mal die Wäsche zu wechseln, Trinkwasser anzureichen, einen Kaffee zu bringen. Oder auf die man im Worst Case (Kaiserschnitt) zählen kann, wenn jede helfende Hand dringend gebraucht wird. Aber eine Geburt ist kein Happening und auch kein Kindergeburtstag. Es ist ein Vorgang, den eine Hündin in freier Natur alleine und zurück gezogen vollziehen würde. In Ruhe, in Sicherheit. Bieten Sie Ihrer Hündin diese Sicherheit – mit Ihnen alleine kann sie die erfahren. Erleben Sie das Wunder der Geburt mit all seinen stressigen, schmutzigen und auch wunderbaren Facetten in ruhigem, vertrautem Rahmen. Machen Sie keine Party draus.

Mit etwas Glück, hat man in wenigen Stunden einige propere, gesunde Welpen zufrieden nuckelnd, in einer sauberen Wurfbox liegen, mit einer sauberen, schon wieder etwas erholten und enspannten Hundemutter und konnten vielleicht selbst schon eine Mütze Schlaf tanken. Denn seien sie gewiss – auch wenn’s gut läuft, ist es harte Arbeit für die Hündin und auch für Sie.

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, die Kinder dazu zu holen. Das Wunder der Geburt hat zu diesem Zeit noch nichts, aber wirklich gar nichts an Reiz verloren.

 

4 Kommentare zu „Das Wunder der Geburt

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